Lockdown: Belastbarkeitsgrenzen und Impfstoffengpässe

Letztes Update: 26. Januar 2021, 08:29

Der Ruf nach Lockerung wird lauter

Es ist sicherlich eine sinnvolle Maßnahme, den Lockdown für eine überschaubare Zeit in seiner vollen Härte zu fahren. Die Betonung aber liegt auf “überschaubar”. Was keinesfalls passieren darf, dass man die gesamte Bevölkerung auf unabsehbare Zeit ‘einsperrt’ und alles dicht macht, nur weil man nicht in der Lage ist, mit gezielten Effizienzen ‘zu operieren’. Man kann ein Volk nicht 10-monatigen Beschränkungen unterziehen und fortlaufend eine Akzeptanz erwarten, weil es „notwendig ist, dass alle geschlossen gegen das Virus vorgehen“. Ein solch harter Lockdown ist nur kurzfristig machbar und sollte nicht an die Belastbarkeitsgrenze gefahren werden.

Lockdown-Verlängerung aufgrund Versäumnisse?

Die Menschen sind pandemiemüde, gereizt und hochsensibilisiert, was die mangelnden Perspektiven während des Lockdowns angeht. Wenn nun die verantwortliche Regierung keine Optionen in Aussicht stellt und mit Stammtischparolen um sich wirft („Wir brauchen eine Inzidenz von unter 50, vorher geht gar nichts“), ist das nicht wirklich zielführend.

Die sinnvollste Möglichkeit gegen ein Virus ist …? Richtig, eine Impfung. Aber genau hier wurde anfänglich auf unfassbare Weise geschlampt und gepennt. Die bestellten Impfdosen der EU waren deutlich zu verhalten. Bei einer frühzeitigen höheren Bestellung hätte der Hersteller seine Werke bereits darauf einstellen können. Die Quittung bekommen wir nun zu spüren. Lockdown bis zum Anschlag der Akzeptanzgrenze.

Die EMA-Zulassung des Biontech-Stoffes für sechs statt fünf Dosen pro Ampulle führt zur Preiserhöhung. Darüber hinaus gibt es Lieferschwierigkeiten von Biontech/Pfizer! Begründung: Umbauten im belgischen Pfizer-Werk Puurs, die höhere Produktionskapazitäten schaffen sollen. Hatten wir schon erwähnt, dass „bei einer frühzeitigen höheren Bestellung“ …? – Ach ja, hatten wir.

EU schimpft mal ‘medienwirksam’

Aber was macht die EU? Äußert seinen ‘deutlichen Unmut’ über die Engpässe … und sonst?
Zur Erinnerung: Biontech beruft sich auf die Vertragsformulierung der “bestellten Impfdosen” und begründet daher die Preiserhöhung, bzw. im Gegenzug die rechnerisch (20%) geringere Lieferung der Dosenanzahl. Hat die EU etwa keine garantierte Lieferzeit als Vertragserfüllung im Schriftwerk mit dem Hersteller aufgenommen? Denn sonst wäre Biontech ja an diese gebunden – und im Umkehrschluss schadenersatzpflichtig.

Nun denn, man hat ja noch ‘Moderna‘ als Lieferant – als Plan-B. Der Impfstoff hat seine Zulassung am 06.01.2021 erhalten. Die EU hat 160 Millionen Dosen geordert – Deutschland soll davon über 50 Millionen Einheiten erhalten. Aber halt!
Innerhalb des ersten Quartals sollen wegen der „zunächst begrenzten Produktionskapazitäten“ nur knapp zwei Millionen Dosen für Deutschland geliefert werden. Die gesamten 160 Millionen Dosen sollen nach Angaben der EU-Kommission ‘bis September’ geliefert werden. Selbstverständlich ist in der Zeit ein weiterer oder gar verlängerter Lockdown keine Option mehr.

Plan-C und Plan-D

Aktuell also keine wirklich Entspannung bei dem Impfstoffdesaster! Insbesondere, weil der Impfstoff von ‘Astrazeneca‘ nun auch stockt, da es “Schwierigkeiten im Werk in BELGIEN (!) gibt. Echt jetzt …?

Wir sprechen von einer Reduzierung der Lieferung an die EU um fast 60 Prozent – die EU erhält im ersten Quartal nur 31 Mio. Dosen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sieht selbstverständlich keinen Grund zur Entmutigung. Er ist sich sicher, dass das Mittel von Astrazeneca bereits im Februar in maßgeblichen Mengen verimpft werden könne. Aber er war ja bisher auch immer zuversichtlich, beruhigt, hatte nie Grund zur Sorge und sah auch sonst keinerlei Probleme in der Impfstrategie.

Licht am Ende des Tunnels?

Die Firma Johnson & Johnson steht in den Startlöchern und bringt den vierten Impfstoff an den Markt. Das Impfmittel Ad26.COV2-S von Janssen Pharmaceuticals, einem Tochterunternehmen des US-Pharmariesen Johnson & Johnson, steht in Kürze bereit – die EMA-Zulassung ist für Februar geplant. Hier hat sich die EU bereits 400 Millionen Dosen vertraglich zugesichert – hoffentlich diesmal mit einem verbindlichen Lieferdatum.

Impfstoffe / Kurzübersicht:

Der “Janssen-Wirkstoff” hat erhebliche Vorteile dem Biontech und Moderna-Wirkstoff gegenüber: Der Wirkstoff beruht (genau wie der Astrazeneca-Wirkstoff) auf der Vektorviren-Technologie.

Vom Janssen-Impfstoff muss möglicherweise nur eine einzige Dosis verabreicht werden, um eine ausreichende Immunantwort hervorzurufen. Das ergaben Zwischenergebnisse der Erprobung, die kürzlich im englischsprachigen Fachblatt “New England Journal of Medicine” veröffentlicht wurden.

Der Impfstoff von Biontech muss bei minus 70 Grad gelagert werden und ist sonst sehr instabil. Der Impfstoff von Moderna hingegen ist bei minus 20 Grad lagerfähig und deutlich länger haltbar und auch transportfähiger.

Der ‘Janssen-Impfstoff’ kann bei Kühlschranktemperaturen (2 bis 8 Grad) gelagert werden! Weiterhin ist deutlich günstiger. Der Impfstoff kostet voraussichtlich 1,78€/pro Dosis. Biontech kostet ca. 12€ und Moderna gar 14,70€.

Am Ende wird gezahlt …

Durchaus möglich, dass die EU sich bei den Nachbestellungen wieder ‘erinnert’, wie sich welche Lieferanten bei der Erstlieferung verhalten haben. In der freien Wirtschaft zumindest würde das Verhalten von Biontech ernsthafte Konsequenzen haben – insbesondere dann, wenn das Produkt kein Alleinstellungsmerkmal bietet – sondern –ganz im Gegenteil– komplizierter bei der Lagerung und Haltbarkeit ist und natürlich deutlich teurer ist – nämlich fast sieben mal teurer als der günstigste Wirkstoff.

Egal, welche Impfstoffvariante es nun wird – der Lockdown kann nicht weiterhin als ‘Breitband-Heilmittel’ herhalten, das Argument wird mittlerweile zum Ladenhüter.

Titelleistenbild:
‘Lockdown’: Tumisu auf Pixabay
Spritze/Impfstoff: MasterTux auf Pixabay
Bildmontage: IKC

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