Letztes Update: 12. Mai 2021, 08:56

Eine Prognosen-Bilanz

Über ein Jahr Pandemie – und unzählige Meinungen und Prognosen. Ständig meldeten sich Virologen, Epidemiologen und Gesundheitsexperten zu Wort – doch wer lag mit seiner Prognose richtig, wer nicht?

Schauen wir uns mal die verschiedenen Prognosen an:

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck

Ende Januar 2020 sagte Streeck: „Durch die frühe Erkennung gibt es momentan noch die Chance, das Virus komplett einzudämmen, sodass es sich nicht weltweit ausbreitet.“ Bei Twitter ‘tweetete’ er am 30. Januar 2020: „Ich finde die Entscheidung ist falsch. Nach den bisherigen Daten ist die #influenza dieses Jahr eine größere Gefahr als das neue #coronavirus. Die meisten Menschen scheinen nur milde Symptome zu haben.“ Später revidierte Streeck seine Aussagen und gestand Fehler ein. Allerdings rechtfertigte Streeck seine Prognosen: „[…] hätte ich wohl deutlicher machen sollen, was gemeint ist. Dass es beispielsweise “keine zweite, dritte oder vierte Welle, sondern eine Dauerwelle gibt.“

Grundsätzlich führt Streeck aus, dass er permanent “falsch verstanden” wurde und seine Aussagen aus dem Kontext gerissen wurden.

Fazit: Entweder unmissverständlich, klar und deutlich kommunizieren – oder eben gar nicht.

Christian Heinrich Maria Drosten (Virologe)

Christian Drosten ist umstritten – schon deshalb, weil ihm oft “Panikmache” vorgeworfen wurde und wird. Aber ist das wirklich ‘nur’ Panikmache? Drosten warnte immer wieder vor weiteren Infektionswellen. Die Bürger nahmen das Drosten ‘krumm’, weil er ihnen die Hoffnung nahm.

In einem Interview vom April 2020 gab Drosten eine düstere Prognose ab. Drosten sagte voraus, dass „einige der getroffenen Corona-Maßnahmen im Sommer gelockert werden könnten.“ Zeitgleich warnte der Virologe aber auch vor einer „noch immer wenigen Bevölkerungsimmunität“. Die Gefahr ist hoch, dass man dann „mit einer immunologisch naiven Bevölkerung in eine Winterwelle läuft“, so Christian Drosten im April 2020. Drostens klarste Prognose: „Man muss sich darauf einstellen, im Winter in einen erneuten Lockdown zu gehen“!

Anfang 2021 stiegen die Fallzahlen wieder rasant in die Höhe und Drosten prognostizierte schon im Februar die unvermeidliche dritte Welle. Er behielt leider recht.

Fazit: Ungeliebt und fast schon geschasst – weil Drosten mit seinen Prognosen meist richtig lag.

Karl Lauterbach – SPD-Gesundheitsexperte

Das gleiche Bild wie bei Drosten: Kontroverser “Panikmacher”? Nun, dann schauen wir mal:

Als im Februar 2020 das Corona-Virus zum “Akut-Thema” wurde, relativierte der Chefarzt Clemens Wendtner von der Klinik für Infektiologie in der München Klinik Schwabing: „Corona ist auf keinen Fall gefährlicher als Influenza“. Lauterbach widersprach und prognostizierte, „das Virus sei gefährlicher als die Grippe, daher müsse man vorsichtig sein mit dem Grippe-Vergleich“. Schon damals definierte Lauterbach den Begriff “gefährlicher”: „Für den Einzelnen, der betroffen ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man verstirbt oder schwer erkrankt, noch größer als bei der Grippe.

Spätestens jetzt hatte “Panik-Karl ” seinen Spitznamen erhalten. Das Brisante: Er lag zu 100 Prozent richtig!

Anfang März 2020 warnte Lauterbach bei Markus Lanz, das Virus “klein zureden”. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland noch keinen Todesfalls – obwohl Lauterbach davor ausdrücklich warnte! Am heutigen 12. Mai 2021 zählte das RKI mittlerweile 85.380 Tote, die an oder mit Corona verstarben. Noch im gleichen Monat (März) warnte Lauterbach auch vor einer zweiten Welle (“Worst-case-Szenario”) zum Herbst – im Oktober 2020 stiegen die Neuinfektionen auf bis zu 20.000 Meldungen pro Tag! Sogar im Sommer 2020 (Juli), als die Fallzahlen “im Keller” waren, gab Lauterbach erneut eine Prognose heraus und warnte vor dem “Start der zweiten Welle”! Obwohl das gesamte Infektionsgeschehen ruhig war … Lauterbach sah sie “anrollen”. Am 16. September warnte Lauterbach “in sechs bis acht Wochen” vor steigenden Todeszahlen – erneut schwappte ihm der Zorn des Volkes entgegen! Zu diesem Zeitpunkt hatte Deutschland gerade mal eine Inzidenz von -13- (!) und in der KW 38 (Septemberwoche 2020) starben “nur” 53 Menschen. Wie kann also ein Karl Lauterbach wieder die “Panikpeitsche” schwingen? Rund sieben Wochen später (KW 45) starben 1.237 Menschen. Die Zahl hatte sich fast um den Faktor 25 erhöht!

Fazit: Karl Lauterbach kann sich mit Christian Drosten in eine Linie der “unliebsamen Panikmacher” einreihen – doch sie haben (bis auf ganz wenige Ausnahmen) recht behalten!

RKI-Chef Lothar Wieler

Lothar Wieler ist umstritten. Seine Prognosen peitschten durch das Volk, dass einem Angst und Bange wurde. Seine Horrorzahlen und Statistiken waren so “absurd”, dass Wieler sehr schnell belächelt wurde – zu recht?

Am 22. Januar 2020 sagte Wieler: „Ich gehe davon aus, dass nur wenige Menschen von anderen Menschen angesteckt werden können“. Am selben Tag prognostiziert er gegenüber dem TV-Sender 3SAT: „Insgesamt gehen wir davon aus, dass sich das Virus nicht sehr stark auf der Welt ausbreitet“.

Mitte Februar 2020 sagte Wieler auf einer PK: „Das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 werde voraussichtlich wie eine schwere Grippewelle durch Deutschland laufen“ und auch „Müssen das ganz nüchtern betrachten, ähnlich wie eine Grippewelle“. Nun schaltete sich Jens Spahn in die ‘verkannte’ Pandemie ein und korrigierte die Anti-Corona-Strategie von Bund und RKI als „fraglich“. „Deutschland steht am Beginn einer Corona-Virus-Epidemie“! Erst jetzt begann das RKI die Lage anders zu betrachten und vollzog eine Kehrtwende.

Am 12. März sagte Lothar Wieler dann: „Erstens: „Wir sind am Anfang einer Epidemie. Zweitens: Es werden sich vermutlich 60 bis 70 Prozent der Bürger anstecken. Drittens: Jeder weiß, je länger das dauert, umso besser. Und viertens: Natürlich werden bei uns noch mehr Menschen sterben.

Die Wieler-Prognose, dass sich “60-70 Prozent” der Bürger infizieren würden, wurde später (November) von Wieler als “Worst-Case-Szenario” gerechtfertigt! Den gleichen Fehler wiederholte Wieler dann im April 2021, als er über 100.000 Neuinfektionen am Tag erwartete (IKC-Bericht). Wieler relativierte auch hier wieder seine Prognose als “Worst-Case-Szenario”.

Fazit: Lothar Wieler ist offenbar nicht grundlos umstritten und hat definitiv zu viele Falscheinschätzungen geliefert. Brisant: Lothar Wieler ist der wissenschaftliche Berater der Regierung!

Klaus Stöhr

Klaus Stöhr ist deutscher Virologe und Epidemiologe. Er war 15 Jahre für die WHO tätig und u. a. Leiter des Globalen Influenza-Programms und SARS-Forschungskoordinator.

Stöhr selbst fuhr mehr die Linie, dass wir Corona nicht verhindern können, komme was wolle. Er bezweifelte, dass wir die Pandemie mit Impfstoff beenden können und ging eher davon aus, dass sich das Virus selbst “erledigen werde”. Stöhr kritisierte primär die Untätigkeit und Ignoranz der Regierung – sicherlich nicht zu unrecht.

Die zweite Welle wird uns wohl noch viel härter treffen als die erste“, sagt Stöhr im Oktober 2020 in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Stöhr kritisiert die Bundesregierung, keine längerfristige Strategie zu haben. Weiterhin prognostiziert Klaus Stöhr: „Diese Pandemie wird nicht durch Impfstoffe beendet, sondern durch das Virus selbst.

Stöhrs Prognose geht dahin, dass die Impfung der Bevölkerung zu langsam vorangehe. „Für die große Mehrheit der Weltbevölkerung würden Impfstoffe zu spät verfügbar sein“, so Klaus Stöhr. Die natürliche Immunität würde durch die sich ausbreitende Infektion eintreten – und so letztendlich das Virus stoppen.

Fazit: Eher der offensive Regierungskritiker mit flankierenden Prognosen. Teils behielt er recht – teilweise zeichnet Stöhr sehr düster. Ein tatsächlicher Faktencheck ist schwer möglich, da Stöhrs Prognosen sich noch auf die Zukunft (Anfang 2022) beziehen. Klaus Stöhr hatte oftmals berechtigte Kritiken hinsichtlich des Regierungsversagens aus epidemiologischer Sicht – rein wissenschaftliche Prognosen hielten/halten sich eher vage.

(Hinweis: Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es geht vielmehr um den Querschnitt.)

Titelleistenbild:
Hendrik Streeck: Frank Burkhardt, CC BY 2.5, via Wikimedia Commons
Karl Lauterbach: © Vincent Eisfeld / vincent-eisfeld.de
Lothar Wieler: Andrea Schnartendorff, Public domain, via Wikimedia Commons
Christian Drosten: Peitz / Charité

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