Bundeswehr ist nicht das THW

Letztes Update: 8. Februar 2021, 16:13

Bundeswehrverband kritisiert die Politik
André Wüstner
(André Wüstner, © Deutscher Bundeswehr Verband, Zacharie Scheurer)

Der Deutsche Bundeswehrverband geht gerade ‘auf die Barrikaden’. So warnt Verbandschef Oberstleutnant André Wüstner vor einer ‘Schwächung der Einsatzfähigkeit der Bundeswehr durch die Corona-Hilfseinsätze’ gegenüber der “Rheinischen Post”. Aktuell befinden sich 25.000 Soldaten in Corona-Hilfseinsätzen. Die Gesamtstärke der Bundeswehr liegt bei derzeit 183.777 (12/2020) aktiven Soldaten.

Eher eine politische statt moralische Frage

Annegret Kramp-Karrenbauer hat mehrfach für die Hilfe Bundeswehr geworben. „Sie muss nur angefordert werden …“, betonte AKK. Das allerdings und auch möglicherweise etwas ‘ungeschickt’ von AKK. Somit hat die oberste Dienstherrin der Bundeswehr ja förmlich die Soldaten mit der Schubkarre in die Länder ‘gekarrt’ bzw. “gekarrenbauert”.

Die Bundeswehr ist das Militär für den Verteidigungsfall. Lediglich die Statuten der NATO rechtfertigen Einsätze im Ausland. Nun kann man sich natürlich fragen, ob der ‘Abzug’ von 25.000 Soldaten tatsächlich die gerügte Schwächung der Einsatzfähigkeit bedeutet? Es ist ja nicht so, dass Attila mit seinen Hunnen bereits im tschechischen Erzgebirge liegt und unmittelbar den Angriff auf die BRD plant. Vor diesem Hintergrund scheint ein solcher Vorstoß des Verbandschef schon doch eher einer grundsätzlichen Natur zu sein – frei nach der Devise «Ich wollte das mal gesagt haben!». Die Bundewehr ist zur Zeit mit ca. 3.000 Soldaten:innen in zwölf Einsätzen auf drei Kontinenten eingesetzt (Quelle: Bundewehr).

Zu wenig Empathie?

Ist in einer solchen Krisenzeit, wo täglich Menschen im drei- bis vierstelligen Bereich versterben, ist da eine solche Bemerkung pietätlos? Sind da Worte wie

[…] “weil es andere schlichtweg nicht gebacken kriegen”

angebracht?

Die Situation ist schwierig. Natürlich ist die Bundeswehr nicht das „THW“ (O-Ton der verteidigungspolitischen Sprecherin der FDP, Marie-Agnes Strack-Zimmermann) – das sollte schon klar sein. Und die Politik darf sich jetzt auch nicht auf den Schultern der BW ‘ausruhen’, denn zur Zeit ist die Bundeswehr einzig und allein deswegen notwendig, weil die Politik es seit Jahren versäumt, das Gesundheitssystem personell zu stärken. Die Quittung ist nun präsentiert worden.

Der Nationale Territoriale Befehlshaber der deutschen Bundeswehr Generalleutnant Martin Schelleis betonte es etwas diplomatischer als der Verbandschef:

GL Martin Schelleis
GL Martin Schelleis: (© 2015 Bundeswehr / R. Alpers)

Unser Hauptauftrag ist die äußere Sicherheit. Es gibt wirklich Handlungsbedarf in der Aufstellung für künftige zivile Krisen.“ Schelleis fordert weiterhin die tausenden Soldaten:innen in Alten- und Pflegeheimen durch zivile Helfer zu ersetzen.

Dass sich nun der Verbandschef in die Diskussion einschwingt und mit der Keule des “Staatsversagens” in die Runde geht, mag ‘persönlich’ nachvollziehbar sein – aus Sicht der Solidarität allerdings eine (wir bleiben mal im militärisch Jargon) Degradierung der Menschlichkeit. Im Kern geht es möglicherweise Verbandschef André Wüstner auch nicht wirklich um die ‘Schwächung der Einsatzfähigkeit’, sondern vielmehr um die aktuelle Situation hinsichtlich der Ausbildung und Übungen, die nun “vielerorts ausfallen”.

Die letzte Durststrecke

Der Bund hat in den letzten Wochen “Klatschen ohne Ende” bekommen. Auch das IKC hat mitgewatscht. Aber es ist gut, dass Missstände offen ausgesprochen werden – das regt zum Nachdenken an. Schaut man sich die Entwicklung der letzten Wochen an, stellt man fest, dass viele kritische Stimmen gehört wurden, auch wenn das natürlich nicht offiziell kommuniziert wird.

‘Grundsätzlich’ ist es ja nicht ausweglos. Es wurden massenhaft Fehler gemacht und Maßnahmen zu spät ergriffen – und trotzdem gehen die Fallzahlen aktuell runter. Wenn jetzt alle an einem Strang ziehen und sich weiterhin diszipliniert an die Hygienemaßnahmen halten, dann trägt das zur Entspannung der Lage bei. Die Impfungen sind ein wesentlicher Teil dieser Maßnahmen. CoVid-19 wird nicht verschwinden, damit werden wir den Rest unseres Lebens zu tun haben. Aber Co-Vid wird sich ‘relativieren’ – und uns in dem Maße begleiten, wie es die Grippe seit Jahren schon tut.

Dahin werden wir kommen – noch aber sind wir nicht soweit!

Und solange sollte sich auch der Deutsche Bundeswehrverband “zusammenreißen” und keine polemischen Zwischenrufe abfeuern, das ist kontraproduktiv. Denn auch, wenn die Politik (auch hier) gerade versagt hat – kurz- und mittelfristig gibt es keine andere Möglichkeit.

Titelleistenbild: Bundeswehr/Markus Dittrich
Fotografin:Yvonne Albert

Motiv im Titelleistenbild:
Symbolfoto: Eine Frau Oberstleutnant koordiniert telefonisch eingehende Anträge auf Amtshilfe im Einsatzführungszentrum vom Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr in Koblenz während der Corona-Pandemie, am 31.03.2020.

Fotos im Text;
· OL André Wüstner: © Deutscher Bundeswehr Verband, Zacharie Scheurer
· Generalleutnant Martin Schelleis: © 2015 Bundeswehr / R. Alpers

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